Ob Energieversorgung, Corona-Pandemie oder Künstliche Intelligenz – Wissenschaft liefert Erkenntnis und Orientierung. Allerdings nur selten in Form eindeutiger Fakten und unumstößlicher Wahrheiten, sondern meistens verbunden mit Unsicherheiten und Ambivalenz. Welche Rolle kann die Wissenschaft vor diesem Hintergrund bei gesellschaftlichen Diskussionen spielen? Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage können politische Entscheidungen gefällt werden? Diese Fragen erörterten Fachleute am 10. Februar 2026 bei „acatech am Dienstag“ in der Evangelischen Stadtakademie in München.
Zum Auftakt beleuchtete acatech Mitglied Ortwin Renn vom Research Institute for Sustainability (RIFS) den Begriff „post“, der unsere Zeit prägt: Postmoderne, Postdemokratie, postfaktisches Zeitalter – was bedeutet das? Ortwin Renn erklärte, dass es Lügen und Manipulation schon immer gab, nun aber die Grenze zwischen wahr und falsch zunehmend aufgehoben werde. Fakten würden ignoriert und verdrängt durch Gefühle und Wunschvorstellungen.
Es werde immer schwieriger, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. Ortwin Renn verwies hier auf die wachsende Komplexität vieler Probleme, den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und die Bedeutung der jeweiligen Perspektive für unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit: Ein Grund dafür sei die sogenannte Komplexitätswende. Vieles ist von einem Geflecht von Ursachen beeinflusst, lineare Ursache-Wirkungs-Beziehungen bilden die Ausnahme. Um überhaupt zu kausalen Aussagen zu gelangen, müssten wir vereinfachen. Doch je stärker sich der Kontext verändere, desto schwieriger werde es, eindeutige Wirkungszusammenhänge zu bestimmen. Allenfalls im Nachhinein lasse sich vieles erklären – verlässliche Prognosen im Voraus zu treffen, sei jedoch schwer.
Hinzu komme die „stochastische Wende“. In einer Welt, die zunehmend von Wahrscheinlichkeiten geprägt sei, führe eine Ursache nicht mehr eindeutig zu einer Wirkung. A könne nicht nur B, sondern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch C bewirken. Wissenschaft arbeite daher oft mit Mittelwerten und Wahrscheinlichkeiten, während deterministische Gewissheiten selten geworden seien.
Schließlich beschrieb Ortwin Renn die „linguistische Wende“. Unsere Wahrnehmung sei eng mit Sprache verknüpft: Zunächst nähmen wir lediglich Farben und Formen wahr, erst durch Sprache und Begriffe entstehe Bedeutung. So betrachteten verschiedene Disziplinen denselben Gegenstand unterschiedlich: Ein Baum sei für einen Botaniker etwas anderes als für einen Chemiker, Juristen oder Ökonomen. So liefern unterschiedliche Perspektiven verschiedene Interpretationen, die zudem kulturell geprägt seien.
Wenn man dann so weit geht einzugestehen „Alles Wissen ist relativ“, bedeutet das keine Beliebigkeit, betonte Ortwin Renn. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien intuitiven Einschätzungen grundsätzlich überlegen, wenn es um kausale und funktionale Zusammenhänge gehe. Ortwin Renn schätzt, dass Wissenschaft Differenzierungen liefern kann, etwa zu dem, was sicher, wahrscheinlich, möglich bzw. absurd ist.
Die Wissenschaft hat im Detail nie recht
Auf die Frage von Moderator Thomas Zeilinger (Beauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft), wie Medien mit Unsicherheit umgehen, antwortete Marlene Weiß, Süddeutsche Zeitung: Es sei Kern der journalistischen Praxis, zwischen Unsicherheiten und Beliebigkeit zu trennen. Als weiteres journalistisches Kriterium nannte sie Ausgewogenheit, wobei diese nicht zu einer False Balance führen dürfe. Im ständigen Kampf um Aufmerksamkeit, der im kommerziellen Wettbewerb tobt, müsse man zudem im Blick behalten, was für das eigene Publikum relevant sei. Die Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung erwarteten Einordnung – und genau die wolle man liefern. Besonders spannend werde Journalismus dort, wo die Wissenschaft noch keine eindeutigen Antworten habe. Wo Unsicherheit herrsche, beginne die eigentliche Arbeit: Entwicklungen beobachten, Wahrscheinlichkeiten abwägen, Zusammenhänge verständlich machen.
Reiner Anselm von der LMU München betonte im Podiumsgespräch die ethische Dimension. Viele Menschen kennen Wissenschaft nur über die Medien – entsprechend groß sei die Verantwortung, deren Stärken und Begrenzungen aufzuzeigen: Wissenschaft liefert verlässliches Wissen, aber keinen Beipackzettel, was man damit anfangen soll. Welche Schlussfolgerungen aus Erkenntnissen („Was ist das?“) gezogen werden, ist immer eine wertebehaftete Entscheidung („Was bedeutet das?“). Man wisse zwar um die Veränderungen (etwa durch den Klimawandel), doch welche gesellschaftlichen Folgen daraus erwachsen – darüber gebe es unterschiedliche Deutungen. Die Wissenschaft, so Reiner Anselm, habe im Detail nie „recht“. Ihr Kern liege darin, Probleme zu erkennen und Gewissheiten infrage zu stellen.
Der eine Flug zählt doch – oder?
Auch Ortwin Renn betonte die Notwendigkeit, zwischen Fakten und Handlungsanweisungen zu unterscheiden. Wissenschaft könne Optionen aufzeigen, Szenarien beschreiben und Wahrscheinlichkeiten benennen. Welche dieser Optionen jedoch gewählt werde, sei keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche oder individuelle Entscheidung. Es sei nicht Aufgabe der Wissenschaft, vorzuschreiben, was richtig oder falsch sei.
Marlene Weiß beklagte hier die Kluft zwischen Wissen und Handeln. Beispiel Klimaschutz: Hierzu etwa gebe es breite Zustimmung, solange das abstrakt bleibt. Wenn es jedoch um das eigene Verhalten gehe, um Verzicht oder Veränderung, stockt es.
Reiner Anselm stimmte zu und führte neben dem Klimawandel die Medizin an. „Der eine Flug“ oder „Die eine Impfung“ scheinen folgenlos, warum soll der einzelne sich hier beschränken oder einlassen – doch in der Summe entstehe eine Dynamik. „Seit der Antike denken wir nach über das Problem, wann ein Haufen ein Haufen sei – oder nur eine Ansammlung einiger Objekte.“ Die Gesellschaft, so Reiner Anselm, brauche Diskursräume wie „acatech am Dienstag“ und Veranstaltungen der Evangelischen Stadtakademie, um dieses Spannungsfeld von Wissen und Handeln faktenbasiert und mit Blick auf gesellschaftliche Folgen zu verhandeln.
© Bericht von acatech, Claudia Strauß
Weiterführende Informationen
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