Bausteine einer historisch-kritischen Kultur der Digitalität

Das Selbst in der digitalen Kultur
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Endlich geschafft, eins der aus 2017 liegengebliebenen Bücher zu lesen: Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur von Andreas Bernard (buecher.de) Die Beobachtungen des in Lüneburg lehrenden Soziologen zur Nähe der gegenwärtigen Technologien zur Geschichte von Kriminalistik und Psychologie geben zu denken: 

  • Was in der digitalen Kultur im Mittelpunkt steht, war in der Geschichte Serienmördern oder Wahnsinnigen vorbehalten: ein eigenes Profil. Bei allen Unterschieden hält sich eines durch: das Verwertungsinteresse am Profil. Auch in den sozialen Medien heute ist das Profil nicht nur die Möglichkeit zur Inszenierung des eigenen Selbst, sondern ebenso ein reicher Schatz an Daten für Unternehmen, Behörden und fragwürdige Agenturen.
  • Bernard erkennt weitere Verbindungslinien aus der Geschichte der Verbrechensbekämpfung und der Psychologie mit der digitalen Kultur von heute: In den achtziger und neunziger Jahren wurde um die Legitimität der elektronischen Fußfessel zur Überwachung von Straftätern z.B. bei Bewährungsstrafen noch heftig gestritten. Heute gibt nicht nur das Profil, sondern auch den eigenen Standort vielfach freiwillig preis, wer ein Smartphone und die Lokalisierungsfunktion zahlreicher Apps nutzt. Mit dem Web 2.0 ist es im Netz zur Etikette geworden, sich mit Profil und Standort eine feste Identität zu geben: „Das vielbeschworene Soziale als neue Disposition des Netzes ist also gleichbedeutend mit der Übernahme polizeilicher Fahndungstechniken.“ (S. 91)
  • Von Bernard wie auch von anderen (z.B. Steffen Mau, Das metrische Wir) beschrieben wird die Tendenz zur Vermessung und zum Tracking des eigenen Selbst. Ob über den Fitnesstracker oder über die Smartwatch: „standardisierte, systematisch durchgeführte Techniken ermöglichen, die körperlichen Messwerte von Menschen aufzuzeichnen, aufeinander zu beziehen und zu interpretieren.“ (116) Wo einst die Vermessung der Körperwerte der Überwachung oder Therapieprognose von Patienten galt, sitzt der Antrieb für das quantifizierte Selbst heute in diesem selbst: „Erzwungene Verfahren der Erfassung haben sich in freiwillige Selbststilisierungen verwandelt, die Knebelungen der Polizei und Strafjustiz kehren wieder im losen, heiteren Gewand des Marketings.“ (191)
  • Der von Michel Foucault und Gilles Deleuze beschriebenen Geschichte moderner Machttechniken schließt sich, so Andreas Bernard, ein drittes Kapitel an: „Von der Disziplinarmacht des 18. und 19. über die Kontrollmacht des 20. scheint der Weg seit der Wende zum 21. Jahrhundert also zu einer dritten Ausprägung geführt zu haben, die man Präventionsmacht nennen könnte oder Internalisierungsmacht. Sie sorgt dafür, dass Archive der Erfassung oder Normvorstellungen des Lebens nicht mehr von einer äußeren Instanz durchgesetzt werden müssen, sondern bereits kollektiv verinnerlicht sind.“ (197f.) Nicht mehr die Weisungen der anderen, sondern die Wünsche des Selbst regieren. Freilich immer so, dass sie sich im Vergleich und im Wettbewerb mit anderen messen. Sie brauchen permanent die Aufmerksamkeit, nichts Schlimmeres, als aus dem Fokus der Aufmerksamkeit zu verschwinden. Wo aber der Kern des Menschlichen nur noch in Daten und  dem medialen Kampf um Aufmerksamkeit besteht, verliert das Selbst sich selbst in der digitalen Kultur.
  • Bernards Gedanken: für mich ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer historisch-kritischen Sicht auf die notwendige Souveränität im digitalen Zeitalter!