Der Mensch als Datenmaterial

Überwachungskapitalismus
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Das dickste Buch, das derzeit bei mir auf dem Tisch liegt, stammt aus der Feder einer Ökonomin. Seit November ist die deutsche Ausgabe bei mir, die englische Ausgabe kam erst dieser Tage auf den Markt. Und doch handelt es sich um das Buch einer US-amerikanischen Autorin, zuerst auf Englisch verfasst. Die grundlegende These ihres Buches jedoch erregte im Jahr 2015 zunächst in Deutschland Aufmerksamkeit. Verantwortlich dafür war die Freundschaft der Autorin mit dem damaligen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Er sorgte dafür, dass Soshana Zuboffs Stichwort des „Überwachungskapitalismus“ in Deutschland bekannt wurde.

Nun hat die emeritierte Harvard-Professorin ihr damals essayistisch vorgetragenes Argument auf mehr als 600 Seiten unter dem Titel „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ ("The Age of Surveillance Capitalism“) untermauert. Das physische Gewicht des Buches geht einher mit dem Gewicht ihrer Argumente.

Nicht die digitale Technologie als solche sei das Problem, so Zuboff. Hinzusehen und zu handeln gelte es vor allem bei der sozialen und ökonomischen Logik, innerhalb derer Algorithmen und Sensoren, Künstliche Intelligenz und mediale Plattformen funktionieren.Bei den epochalen Umstellungen unserer Zeit geht es nach Zuboffs Analyse um die Ausformung einer neuen Form des Wirtschaftens: Menschliche Erfahrung wird als frei verfügbares Rohmaterial in Verhaltensdaten übersetzt. Diese Daten werden auf dem Markt gehandelt und in zukünftiges Verhalten übersetzt. Ausgehend vom Anzeigengeschäft stehen heute Google und Facebook an der Spitze dieser Form des Wirtschaftens: „Google began by unilaterally declaring that the world wide web was its to take for its search engine. Surveillance capitalism originated in a second declaration that claimed our private experience for its revenues that flow from telling and selling our fortunes to other businesses. In both cases, it took without asking. Page [Larry, Google co-founder] foresaw that surplus operations would move beyond the online milieu to the real world, where data on human experience would be free for the taking. As it turns out his vision perfectly reflected the history of capitalism, marked by taking things that live outside the market sphere and declaring their new life as market commodities.“ (S. Zuboff im Gespräch mit J. Naughton vom Guardian)

Die Brisanz von Zuboffs Überlegungen rührt daher, dass sie den Überwachungskapitalismus nicht bei der Vorhersagbarkeit des individuellen Nutzerverhaltens enden sieht. Vielmehr sei dieses erst der Beginn für dessen weitere gesellschaftliche Anwendung dort, wo es um das Datenmaterial von ganzen Gruppen, Städten oder gar Staaten gehe. Die damit verbundene Automatisierung des Menschen sei die in dieser spezifischen Form des Kapitalismus liegende Gefahr für die menschliche Würde: „This power to shape behaviour for others’ profit or power is entirely self-authorising. It has no foundation in democratic or moral legitimacy, as it usurps decision rights and erodes the processes of individual autonomy that are essential to the function of a democratic society. The message here is simple: Once I was mine. Now I am theirs.“ (S. Zuboff im Gespräch mit J. Naughton vom Guardian)

Meine Empfehlung: Kaufen, Lesen und eine entscheidende Facette am aktuellen Prozess der Digitalisierung sehen und verstehen!